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Montag, 6. Oktober 2014

Es lebe Warschau - Im Interview mit Anthony Chorale

Es ist Donnerstag Mittag und die Temperaturen künden die letzten Ausläufer des Hamburger Spätsommers an. Auf der Bühne spielt Olivier Heim in Begleitung von Małgorzata Penkalla unter dem Künstlernamen Anthony Chorale eines der ersten Konzerte am zweiten Tag des diesjährigen Reeperbahn Festivals. Der von Keyboard und Drum Machine unterstütze Dream-Folk scheint einfach an einem solchen Tag existieren zu müssen und so träumt jeder vor oder auf der Bühne seinen eigenen Reeperbahn-Festival-Traum.

 


Das Konzert ist inzwischen über zwei Wochen her und berichtet wurde darüber an dieser Stelle auch schon. Allerdings soll es hier auch nicht um den Auftritt gehen, sondern um das Gespräch, dass ich im Anschluss mit den beiden geführt habe.

Angefangen hatte alles mit Tres.b. Olivier spielte schon damals Gitarre, doch im Gegensatz zu Anthony Chorale war Tres.b als Bandprojekt ausgelegt. Die in Dänemark gegründete Gruppe konnte in den 2010ern einige Erfolge verbuchen und als sich Olivier dazu entschloss sein Soloprojekt in Angriff zu nehmen geschah dies nicht aus Mangel an Anerkennung. Er musste sich einfach weiter entwickeln. 
Doch nicht nur bei der Wahl der musikalischen Partner ist Heim auf Veränderung bedacht. Auch was den Ort angeht, an dem die Musik entsteht, ist Veränderung und der Drang nach vorne immer eine treibende Kraft. Inzwischen lebt der gebürtige Amerikaner mit Holländischen Wurzeln seit vier Jahren in Warschau. Damit gehört er, wie er selbst sagt, zu einer der ersten Wellen von ausländischen Musikern, die sich in die polnische Musikszene mischen.
Schnell wird klar, dass Warschau für ihn zwar abermals nur ein Wegpunkt auf seiner Reise ist, aber ihn die Stadt begeistert und inspiriert. 

„Die Leute stellen sich Polen und Warschau ganz anders vor und sind überrascht von dem was sie finden“

So ging es auch ihm als er das erste Mal in die Stadt kam. Heim fand eine offene und gastfreundliche Musikszene und den Raum für Idee, der ihm gefehlt hatte.
Im Vergleich zu Berlin oder Amsterdam, so sagt er, wird Warschau noch immer von internationalen Leuten entdeckt und bleibt damit stetig in Bewegung. Ein anderer Aspekt ist, dass die Musikwelt noch nicht komplett überrannt ist uns somit für die einzelnen Bands „mehr Zeit bleibt“. Das bedeutet für Olivier, dass sich auch für Bands, die mit ihrer Musik unkonventionelle Wege gehen, noch Aufmerksamkeit vorhanden ist. Wieder ist für ihn das Vorwärtsstreben von größter Wichtigkeit. Bloß nicht zu lange an einem gedanklichen Ort verweilen und sich stattdessen lieber ständig aufs Neue fordern.  Das merkt man auch ab den Singles aus dem kommenden Album, dass im November in Polen erscheint. Deutlich elektronischer klingt beispielsweise der Song Ocean im Vergleich zu den Liedern auf Ambitions oft he Son.  Nach einem Album und einer EP mit hauptsächlich akustischen Instrumenten wurde es für Heim langweilig und so entschied er sich für den Einsatz von elektrische Instrumenten und bastelt inzwischen für das Minimal-Set Up mit Małgorzata sogar Beats am Drum Computer.
Für ihn sei es wichtig, dass die Alben nie all zu gleich klingen und er Stück für Stück lernt was er von der Musik möchte.

Mittwoch, 24. September 2014

Das war das Reeperbahn Festival DAY 2


Donnerstag startet mit strahlend blauen Himmel, Sonnenschein und einem vollem Line-Up. Halbwegs ausgeschlafen geht es also am frühen Nachmittag wieder Richtung Spielbuden Platz und direkt zum ersten Konzert.

Eine bessere Wahl für den ersten Act des Tages ist angesichts der mir entgegen schallenden, träumerisch mit Echo hinterlegten, Gitarrenklänge wohl kaum vorstellbar. Auf der Bühne steht Olivier Heim mit seinem Soloproject Anthony Chorale. Begleitet wird er auf dem Keyboard und dem Drumcomputer. Die Fläche vor der Bühne ist noch verhältnismäßig  leer,  doch allen, die sich zur frühen Stunde zum Festival gewagt haben, ist die Entspannung angesichts des Sounds von Anthony Chorale anzusehen. Der letzte Song der kurzen Warm-Up Show geht vorbei und noch immer etwas verträumt verlasse ich die Spielbude. 


Nach einem Kaffee, einem ziemlich leckerem Eis und einem Gespräch mit Olivier Heim über sein ständiges Umziehen, sein aktuelles Projekt und Warschau, geht es zum nächsten Konzert. Boreal Sons geben sich im Rahmen des Canadian Blast Showcase im Neidklub die Ehre. Der Sound von Boreal Sons ist zum Glück nicht ganz einfach zu beschreiben. Es ist eine Mischung aus Folk und der Komplexität von modernem Jazz-Pop am Keyboard. Ihre Strukturen wirken häufig chaotisch, doch immer scheint doch ein Plan dahinter zu stecken, der zu einer Auflösung führt. 


Eigentlich wäre im Anschluss an die 4 Jungs aus Canada ein kurzer Auftritt von Die Nerven auf der Astra Bühne geplant gewesen. Später wird klar, auf der Bühne macht die Anlage nur 80dB und das ist natürlich viel zu wenig.  
Trotz dieses Ausfalls bleiben wir bei den hiesigen Bands. Coma spielen in der Prinzenbar. Eine geniale Mischung aus elektronischen Klang- und Tanzwelten und dem noch analog und live eingespieltem Schlagzeug. Technobeats handgemacht, hört man nicht alle Tage, steht den elektronischen Beats in nichts nach und die Präzision des Drummers ist einfach schön mitanzuhören. Doch auch das Gesamtpaket ist stimmig, die Lieder bauen sich stetig auf und verleiten zum frühabendlichen Rave.


Zum Glück war die Astra Bühne nur als Aufwärmübung für Die Nerven gedacht, die eigentliche Show findet erst später im Molotow statt. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken haben wir uns noch Malky beim N-Joy Bus gegeben. Malky kommen aus Deutschland und sind in dem was sie machen auf keinen Fall untalentiert. Den Soul-Pop bringen sie gut rüber und auch die etwas gönnerhafte, Schwiegermutters-Liebling-Attitüde wirkt gekonnt. Für mich aber einfach doch zu glatt und zu viel Micheal Buble. 


Da trifft es sich ganz gut, dass noch ein kurzer Besuch bei Taymir ansteht. Schöner Rock kann einfach immer noch überzeugen. Ein wenig wie eine Schülerband wirken Taymir anfangs schon, doch die Bühnenshow beweist, dass sie diesem Image längst entwachsen sind. Überzeugende Soli werden an der Gitarre mit einer Lässigkeit vorgetragen, dass man sich im Anschluss an das Konzert wünscht, man hätte doch auch ganz gerne eine Band und wäre nur ein bisschen mehr Rockstar. 


Das Warten hat endlich ein Ende und das Molotow einen würdigen Spielpartner gefunden. Schon mit dem ersten Ton aus den Verstärkern von Die Nerven wird klar, warum der frühabendliche Auftritt abgesagt werden musste. Diese Musik gehört laut. Noch viel deutlicher als auf Platte kommt der Hang zum Post-Rock zum Vorschein. Die Stimmen von Bassist und Gitarrist stehen im Hintergrund während die Show eindeutig der Verzerrung und der Lautstärke gehört. Die Botschaft der Songs bleibt auch so verständlich und wirkt insgesamt noch viel gewaltiger, als es mir je vorgekommen ist wenn ich die Lieder zu Hause aufgedreht habe. Die Nerven gehören nicht nur zu dem besten was sich in der Deutschen Musiklandschaft aktuell so tummelt, sondern auch zu einer der besten Live Bands, die ich in den letzten Jahren sehen konnte.
So wird man mit tauben Ohren in die Nacht entlassen und ein fantastischer Donnerstag geht vorbei.